Künstlerin - Bildhauerin

"Mit dem Rücken zur Wand": Künstlerischer Wettbewerb für einen Gedenk- und Erinnerungsort für die Abgeordneten aus Sachsen-Anhalt, die von 1933 bis 1945 wegen ihrer politischen Tätigkeit zu Tode kamen

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Entwurfsplakate und verschiedene Modellansichten: “Mit dem Rücken zur Wand”, 2024

Künstlerischer Wettbewerb für einen Gedenk- und Erinnerungsort für die Abgeordneten aus Sachsen-Anhalt, die von 1933 bis 1945 wegen ihrer politischen Tätigkeit zu Tode kamen

Arbeitstitel: Mit dem Rücken zur Wand

Inhaltliche Erläuterungen

Mit dem Rücken zur Wand für seine Überzeugungen auch noch in letzter Konsequenz einzustehen, bedarf eines starken Rückgrats. Es ist der äußerste denkbare Schritt zur Verteidigung der Menschlichkeit. Sie ist unser Tempel, zu dessen Säulen nicht nur die Vernunft und der Wille zählen, sondern auch die Freiheit und die unverbrüchliche Würde. Das standhafte Bekenntnis zu ihren Idealen wurde den Opfern zum Verhängnis. Sie wurden ihrer Menschlichkeit beraubt. Wird ein Mensch so weit getrieben, wird der Tempel zerstört, müsste eigentlich eine Erhebung der Götter folgen. Die Säule kann uns ein Lied davon singen – traurig schön erklingt es, wie eine Melodie aus vergangenen Zeiten, rund um sie herum und aus ihr heraus. Es ist eine Säule der Menschlichkeit.

Die Säule an sich ist nicht nur ein geistig anspruchsvolles, sondern auch ein politisches Objekt. Als Inbegriff von Standhaftigkeit steht sie fest und gerade vor uns, stets und von allen Seiten ihrem Gegenüber zugewandt. Zugleich lenkt sie unseren Blick gen Himmel und wieder zurück zur Erde. Die Säule lädt uns ein, gedanklich und tatsächlich um sie herumzugehen, um das, was da steht, in der Bewegung zu erfassen. Sie zieht uns kraftvoll und präsent in ihren Bann: schauend, laufend, lesend, erkennend – nur auf diese Weise erschließt sie sich uns als ein Gedenkort der besonderen Art.

Gerade in der Zeit der Weimarer Republik waren Litfaßsäulen ein Politikum. Hier wurden die neuesten politischen Informationen und Erlasse verkündet. Man traf sich an der Säule und diskutierte, nahm sie im Zweifelsfall sogar als Schutzschild bei Straßenkämpfen. Nun dient sie in der heutigen Zeit als Gedenk- und Erinnerungsort für politische Opfer.

Die hier erinnerten Personen vereint ihre Unbeugsamkeit, die Wahrung der unverbrüchlichen Würde ihrer Menschlichkeit in einer Konsequenz, wie sie uns allen zum Vorbild dienen sollte.

Äußere Gestaltung

Ein solcher Gedenkort bedient sich optisch dem Geist und der Ästhetik der zu gedenkenden Zeit. Er wirkt dadurch höchst wahrscheinlich sehr polarisierend auf seine Betrachter, womit ein Diskurs zur hier gemahnten Thematik angeregt wird. Man begegnet der Säule nicht wie einem klassischen Mahnmal. Sie macht den Betrachter durch ihr Erscheinungsbild neugierig und stutzig. Mit der historisch nachempfundenen Anmutung fällt es leichter, sich in einen Menschen der damaligen Zeit hineinzuversetzen. Die Gesichter der Opfer sprechen für sich und ziehen den Betrachter in ihren Bann, laden ein, sich mit ihnen zu auseinanderzusetzen.

Der Gedenkort spielt durchaus mit der menschlichen Irreführung und Inkaufnahme von Inhalten durch Ästhetik. Unter den Linden fügt er sich hervorragend in die Platzgestaltung ein und der Blick wird wie von selbst zu den Bildflächen geführt. Selbige werden im Betongußverfahren hergestellt. Durch die Verwendung der Technik der Fotogravur lassen sich die Fotografien der Opfer auf der Betonoberfläche durch vertikal verlaufende Linienstrukturen erstaunlich realistisch abbilden. Die Sichtbarkeit der Fotos ist vom Lichteinfall und dem Blickwinkel des Betrachters abhängig und erzeugt ein flirrend bewegtes Bilderlebnis. Dabei kommt die Rundung der Säule der bildgebenden Technik zugute, denn durch die Rundung ist bei jedem Lichtverhältnis etwas zu sehen. Geisterhaft erscheinen und verschwinden die Gesichter der Opfer auf der Bildfläche der Säule. Diese abwechslungsreiche Wirkung ist Teil der künstlerischen Aussage.

Es werden nur die Fotos der Opfer und die abgebildeten Begriffe gezeigt und keine Namen genannt. Ein QR-Code auf der Säule verweist auf den veränderlichen Stand der Wissenschaft und führt auf die Internetseite des Projektes „Ver|folgt“, um tiefergehende Informationen zur Verfügung zu stellen.

Ein Schriftband verläuft unterhalb der Kuppel: DREH DICH NICHT UM - SCHAU NACH VORN - DREH DICH UM - SCHAU ZURÜCK - als Denkansatz auf den in der Geschichte sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgang mit kollektiven Traumata anspielend. Auf dem unteren Absatz der Säule verläuft ein weiteres Schriftband mit den Worten: GEDENKEN DEN ABGEORDNETEN, DIE 1933-1945 AUFGRUND IHRER POLITISCHEN TÄTIGKEIT ZU TODE KAMEN.